Ein aktuelles Interview des SRF am 8. September u.a. zum Projekt "Schweizen in Deutschland"

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Bernkasteler Schweiz

Nur knapp Hundert Meter weiter steht das erste Schild, das andeutet, dass hier die „richtige“ Bernkasteler Schweiz seinen Anfang nimmt. Fortan wird der Weg beschwerlicher. Er steigt Meter um Meter serpentinartig an, vorbei an wild wachsenden Wurzeln, felsartigen Gesteinsbrocken und zersäusten Sträuchern und Bäumen. Plötzlich auf dem Weg eine Autobahn: Millionen von Ameisen haben sich breit gemacht und nehmen den ganzen Weg für sich in Beschlag. Sie sieht aus wie eine gewaltige Armee, die nach vorn und nach hinten sich bewegt. Oben angekommen blickt man auf ein waldreiches Areal, das von Steinen zerklüftet ist. Geschafft!

Spitzhäuschen und beliebter Prediger-Spruch

Nach erfolgreicher Tour lockt die Innenstadt von Bernkastel mit ihren malerischen Häusern und verwinkelten Gassen. Der mittelalterliche Marktplatz ist mit seinen Giebelfachwerkhäusern aus dem 17. Jahrhundert als das prächtigste Fachwerk-Ensemble der Welt zu bewundern. Aus diesen sticht besonders ein Häuschen heraus, das als das schmale Spitzhäuschen berühmt ist. Es ist ein echter Hingucker! Das 1415 erbaute Fachwerkhaus ist ein hervorragendes Meisterstück bäuerlich-bürgerlicher Bau- und Wohnkultur des Mittelalters und gleichzeitig ein Urbeispiel alter, moselländischer Winzerhäuser. Drinnen wartet eine gemütliche Weinstube auf den durstigen Wanderer.

Blick von der Burg Das schmale Häuschen

Beim Gang durch die Kleinstadt fällt eine Menschenmenge auf, die vor einer Giebelwand steht. Mit einem Lächeln auf dem Gesicht und Nicken des Kopfes schauen sie alle hoch und lesen folgende Zeilen, die an Aktualität nichts eingebüsst haben:

    Herr, setze dem Überfluss Grenzen

    und lasse die Grenzen überflüssig werden.

    Lasse die Leute kein falsches Geld machen,

    aber auch das Geld keine falschen Leute.

    Nimm den Ehefrauen das letzte Wort

    und erinnere die Ehemänner an ihr erstes.

    Schenke unseren Freunden mehr Wahrheit

    und der Wahrheit mehr Freunde.

    Bessere solche Beamten, Geschäfts- und Arbeitsleute, die wohl tätig,

    aber nicht wohltätig sind.

    Gib den Regierenden ein besseres Deutsch

    und den Deutschen eine bessere Regierung.

    Herr, sorge dafür, dass wir alle in den Himmel kommen,

    aber nicht sofort.

Dieses Gebet soll Pfarrer Hermann Kappen aus Münster beim Neujahrsempfang des Jahres 1883 in der Kirche St. Martini et Nicolai zu Steinkirchen gesprochen haben. Schaut man ins Internet, taucht dieses sinnreiche und Schmunzeln auslösende Gedicht in vielen Predigten, Zeitungen und Kolumnen auf.