Ein aktuelles Interview des SRF am 8. September u.a. zum Projekt "Schweizen in Deutschland"

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Nippeser Schweiz

Ich bog um die Ecke, ging an den Grünflächen entlang, wo ich einen Spielplatz und eine kleine Sportanlage entdeckte, und befand mich nun unmittelbar im Zentrum von Nippes. Gezielt steuerte ich einen Buchladen an. Die müssten es bestimmt wissen! „Nippeser Schweiz? Noch nie gehört. Wo soll die denn sein? Fragen Sie mal nebenan, die führen Regionalliteratur.“ Auch da Fehlanzeige. Etwas beklommen setzte ich meinen Weg fort. Mein nächstes Ziel war das Rathaus. Doch zuvor kam ich an einer Kneipe vorbei. „Alt-Nippes“ prangte der Schriftzug an der Tür. Das roch nach Historie und regionalem Wissen. Wieder stieß ich auf großes Erstaunen, mehr eine Hilflosigkeit. Die vier Gäste, die etwas verloren kurz vor Mittag an der Theke saßen, schüttelten nur mit dem Kopf. Nur eine Frau schien sich zu erinnern. „Ach ja, damit ist bestimmt Nippes gemeint. Das Stadtgebiet mit seinen nett aussehenden Häusern ist doch so klein und niedlich, wie die Schweiz.“ Vielleicht hatte sie damit nicht Unrecht. Denn Nippes hat immer noch viel von seinem ursprünglichen Charme behalten und zählt mittlerweile zu den beliebtesten Stadtteilen Kölns. Hier werden noch ganze Straßenzüge durch Häuser aus der Gründerzeit und dem Jugendstil geprägt.

Plötzlich meldete sich der Chef, der bisher schweigend aus dem etwas abgedunkelten Hintergrund zugehört hatte. „Ja, die Nippeser Schweiz, na klar kenne ich die. Gehen Sie mal ca. 100 Meter weiter, da kommt ein Kreisel. An der Ecke steht ein umgebautes Bauernhaus, dahinter beginnt die Nippeser Schweiz.“ Sein hämisches Grinsen verhieß nichts Gutes, aber ich bedankte mich höflich für den wertvollen Tipp und versprach, bald mal auf ein Bier vorbeizukommen. Der Kreisel war schnell gefunden, aber weder sah ich ein Bauernhaus, noch eine Schweiz. Schnell erkannte ich, dass er mich hinters Licht geführt hatte, auf seine Art, vielleicht war es die Nippeser Art. „Für diesen Irrweg fordere ich beim nächsten Mal Rabatt auf mein Bier“, brummelte ich etwas wütig in mich hinein.

Im Rathaus, besser gesagt in der innenliegenden Stadtbibliothek, wurde ich fündig. Mir wurde eine Adresse in die Hand gedrückt, die bestimmt über Informationen verfügt: Das Stadtteilbüro für Nippes, wo sich auch das Archiv für Stadtteilgeschichte Köln-Nippes e.V. befindet. Der Weg war schnell gefunden. „Ja, sicher kenne ich die Nippeser Schweiz“, strahlten mir zwei Augen entgegen. Es war die Leiterin des Büros, Frau Bücken. Sie zeigte auf eine Karte und umrandete mit ihren Fingern das Gebiet, wo sich diese Schweiz befindet. Ich erzählte ihr von unserem Projekt, alle Schweizen zu besuchen, sie in einem Buch mit Text und Bild vorzustellen und ihre Geschichte der Ernennung zu erzählen. Schon purzelten  meine Fragen hervor. „Wer hat sie so benannt, wann und warum?“ Sie zog ihre Stirnfalten hoch. „Da muss ich weiter fragen“, vertröstete sie mich. „Ich gebe Ihnen Bescheid.“ Sie machte mir noch einige Kopien von Zeitungsartikeln von der Alhambra, der Brunnenanlage, die in diesem Gebiet liegt. „Wenn Sie mit dem Buch fertig sind, vergessen Sie uns nicht! Gern hätten wir ein Musterexemplar“, mahnte sie mich an.

Gezielt steuerte ich jetzt auf die etwas mysteriöse Kölner Schweiz zu. Wieder gelangte ich fast an den Ausgangspunkt meiner Suche. Ich sah wieder den Grüngürtel, der abrupt an einem aufgeschütteten Bahntrasse endete. Soll das alles gewesen sein? Ich las noch einmal meinen Ausdruck: „Der am ganzen Nippeser Westrand entlang verlaufende hohe Bahndamm verzweigt sich an seinem südlichen Ende. Dort wachsen auf den mit Erde angeschütteten Dämmen Bäume und Sträucher hoch, was den Anschein von Höhen und Tälern - der sog. ‚Nippeser Schweiz’ - erweckt. Der Name ‚Nippeser Schweiz’ ist jedoch nicht ‚offiziell’.“

Ich ging durch die Eisenbahn-Brücke und befand mich plötzlich in einem Landschaftsschutzgebiet, durchzogen von einer stark befahrenen Straße. Was mir sofort auffiel, war, dass dieses Minigebiet von allen vier Seiten durch Dämme begrenzt war, auf denen jeweils eine Bahnlinie sich befand. Es war sozusagen von Schienen fest umschlossen. Waren das die Höhen und Täler? Ich schaute mich weiter um. Eine Seite schloss mit einer langen Brücke ab, die in viele Brückenpfeiler gegliedert war. Aha, dachte ich, da ist jemand in der Schweiz vielleicht mit dem Glacier-Express gefahren und hat eine Ähnlichkeit mit den dortigen Brücken festgestellt. Er war bestimmt fasziniert von dem Eisenbahnwunderland Schweiz mit seinen vielfältigen und beeindruckenden Viadukten. Oder hat doch jemand die Dämme, die mit Bäumen bewachsen waren, mit der Schweiz verglichen? Oder zählen die „Berge“ zu den höchsten linksrheinischen Punkten Kölns? Oder hat jemand scherzhaft zum „Nippeser Tälchen“, das immer wieder im Zusammenhang mit dem Grüngürtel genannt wird, eine Nippeser Schweiz im Gegenzug erfunden?

Mehr konnte ich bisher nicht erfahren. Erfreut war ich jedoch, dass ich eine Ansprechpartnerin gefunden hatte, die mich weiter informieren will. Ich bin gespannt, ob meine Hypothese mit der Eisenbahn sich bewahrheitet. Oder sind alle Möglichkeiten richtig?

Ach ja, eins habe ich noch vergessen. Beim Recherchieren fiel mir ein Liedtext von Rolly Brings, einem 1943 geborenen Kölner Musiker und Texter aus der Kölschen Lieder-Sammlung in die Hände, in der die Nippeser Schweiz vorkommt. In dem „Lied von Liebe“ heißt es:

In der Nippeser Schweiz

Auf nasser Erde beim Fliegeralarm

Im Gebüsch am Bahndamm, unterm März-Mond

Da haben sie sich gehabt …

Also hat die Nippeser Schweiz auf alle Fälle etwas mit Liebe zu tun …